Zum Abschluss im Regen gestanden...

Eigentlich wollten wir nur zum Fußball…Deutschland gegen USA gucken. Aber dann kam alles doch etwas anders als gedacht und Brasilien hielt noch einmal zum Abschluss ein Abenteuer für uns bereit. Vorbereitet waren wir ja wie im letzten Kurzbericht beschrieben sehr gut.

 

Wir waren gerade in unsere Betten gekrochen, da fing es an zu regnen…nicht wie bei uns, sondern richtig! Erstmal nix Besonderes dachten wir, hatte es doch die letzten Tage in Recife immer wieder kurze aber heftige Schauer gegeben. Als wir gegen 6 Uhr morgens aufwachten, regnete es aber immer noch wie aus Gießkannen…kein Ende in Sicht. Macht nix, dachten wir, bestellen wir ein Taxi, das uns die ca. 800m zu Bushaltestelle bringt, um nicht schon komplett durchnässt in den Bus zu steigen. 45min vor geplanter Abfahrt das Taxi zu bestellen sollte unserer Ansicht nach ausreichen, den 8:10Uhr Bus nach Recife zu bekommen…war aber nicht so, denn das Taxi kam zu spät. Nicht nur 5min, sondern eine halbe Stunde. Trotz der von uns vorgehaltenen Pufferzeit sahen wir nur noch die Rücklichter des Busses und entschieden uns weitere 20min später wegen des strömenden Regens, mit einem Taxi zum Flughafen Recife zu fahren…70km für 200 Reais, ca. 70€.

 

Auch nicht so schlimm dachten wir, denn es waren noch knapp 5h bis zum Anpfiff und wir dachten, dass 3,5h Anreisezeit beim ersten Spiel in Recife schon viel waren…ein Irrtum. Nach durchaus waghalsiger Fahrt des Taxifahrers mit Aquaplaning und komplett abgefahrenen Reifen, bemerkten wir kurz vor Recife, dass die Lüftung unseres Taxis nicht nur Luft, sondern auch jede Menge Wasserdampf in den Innenraum beförderte…komisch aber erstmal nix besonderes bei den hiesigen Fahrzeugzuständen.

 

Im Stadtgebiet von Recife mussten wir wie auch viele andere WM Touristen schnell feststellen, dass die Kanalisation nicht mehr Herr der Lage war und die ganze Stadt wegen vieler überfluteter Straßen verstopft war…nichts ging mehr. Mitten im Stau stieg dann plötzlich weißer Rauch auf…nicht im Vatikan sondern aus der Motorhaube des Taxis…Kühlsystem hinüber und Taxi somit nicht mehr fahrtüchtig. Was tun? Noch waren 3h Zeit. Also drückten wir dem Fahrer den vereinbarten Preis in die Hand, ließen den armen Mann mitten auf der Kreuzung mit seinem verreckten Auto zurück und stiefelten durch knöchelhohes Wasser zur glücklicherweise nahegelegenen Metro Station. Zum Flughafen waren es nur drei weitere Stationen und hier mussten wir noch unsere Tagesfahrkarte für WM Spielbesucher abholen. Also stiegen wir aus und stiefelten in den Flughafen.

 

Dummerweise mussten auch alle anderen Besucher diese Karte holen (es geht nur mit der Metro zum Stadion) und es war wohl nicht mehr als ein einziger Mitarbeiter aufzutreiben, der die Abfertigung übernehmen konnte. Das Ergebnis war eine hunderte Meter lange Warteschlange über den gesamten Abflugbereich des Flughafens. Noch war es nicht ganz so kritisch, denn wir hatten noch immer 2,5h Zeit. Nebenher wurde diskutiert, ob das Spiel verlegt werden muss, denn es schüttete noch immer wie aus Kübeln. So standen wir in der geduldig wartenden Schlange wie bei beim Verkauf von Südfrüchten in der DDR…es gab keine andere Wahl. Nach einer weiteren halben Stunde hatten wir nun endlich unsere Bändchen am Handgelenk, die zum Benutzen der Metro berechtigt.

 

Von unserem ersten Stadionbesuch in Recife wussten wir, dass wir ca. 50min mit 2 Linien fahren müssen, um dann in einen Bus steigen zu können, der uns zur Pernambuco Arena bringen sollte. Nun denn, diesmal brauchte die Bahn 60min und weitere 20min Wartezeit später standen wir tatsächlich im Bus…der ließ uns dann wie beim ersten Mal ca. 1,5km vor der Arena raus und wir durften durch den sintflutartigen Regen über Behelfsstege und –wege zum Stadion waten. Nach unglaublichen 5h standen wir dann doch 15min vor Anpfiff im Stadion…mitten zwischen fast ausschließlich nordamerikanischen Fußballtouristen…alle Popcorn und Eiscreme essend…für Fußball Verrückte wie uns ist das einfach nur haarsträubend mit anzusehen und hat nichts mit unserem Verständnis von Fußballkultur zu tun. Aber sei es drum.

 

Das Spiel ist schnell zusammengefasst: Unsere Elf hat das Spiel über 90 min klar beherrscht, konnte aber auf dem völlig aufgeweichten Rasen mehr schlecht als recht ihr Kombinationsspiel aufziehen. Trotzdem hat es zu einem aus unserer Sicht nie gefährdeten 1:0 Sieg gereicht, der uns Platz 1 in der Gruppe gebracht hat. Angesichts der äußeren Umstände ist sicher nicht mehr zur erwarten und wir waren zufrieden…und mit Spielschluß ließ auch der Regen nach.

 

Wie nicht anders zu erwarten war auch die Rücktransport nicht problemlos und so warteten wir wiederum im strömenden Regen geduldig in der Schlange, um 1h später wiederum bis auf die Buxen durchnässt in den Bus zu steigen zur Rückreise. Nur nasse Schuhe hatten wir nicht; vorsorglich hatten wir Badlatschen als Beinbekleidung des Tages gewählt. Ich glaube keiner von uns war jemals mit Flip Flops im Stadion zum Fußball gucken…

 

Nebenbei sei erwähnt, dass wir beim Warten auf die Metro zur Rückfahrt auf einen Redakteur der WAZ (Wolfsburger Allgemeine Zeitung) getroffen sind, uns etwas unterhielten und es wohl diesen Sonnabend einen kleinen Artikel samt Foto von uns in der Printausgabe geben wird!

 

Die Rückfahrt zum Flughafen verlief unspektakulär und erst die Busfahrt zurück zur Unterkunft hielt noch etwas Nervenkitzel bereit. Waren wir schon beim letzten Fahrer der Meinung, er fahre um sein Leben, so muss es unserem heutigen Chauffeur um das Leben seiner ganzen Gemeinde gegangen sein. Trotz der teilweise überfluteten Straßen holte er alles aus seinem Bus heraus, was dieser aus technischer Sicht eigentlich gar nicht im Stande war zu leisten. Aus leichtem Dösen wurde ich geweckt, als plötzlich ein extremer Ruck den Bus bremste, dieser wie Teufel schlingerte bei leichtem Querdrift und Wasser durch die Fenster spritzte…ich dachte, wir sind ins Meer gesprungen. Waren wir zum Glück aber nicht, sondern wir sind lediglich mit Volldampf in einen bis fast zur Oberkante der Mittelleitpanke überfluteten Abschnitt auf der Schnellstraße gedonnert. Unser Rennbuspilot fing die Fuhre gekonnt ab und ich hatte irgendwie den Eindruck, dass er darin schon Übung hat…

 

Gegen 21Uhr waren wir dann wieder zurück und haben erst einmal ausgiebig gegessen…(fast) alles war gut.

 

Fazit der WM:

Leider sollten die Mahner und Zweifler Recht behalten; es ist ein einziges Chaos und man muss leider sagen, dass Brasilien weder organisatorisch noch logistisch in der Lage ist, eine Fussball WM auszurichten. Die Schuld dabei nur den Brasilianern zuzuschieben liegt uns fern. 10 Mrd Dollar  sollten investiert werden…ausser halbfertige WM Stadien haben wir nichts entdecken können, was zur WM gebaut wurde, vor allem keine Infrastruktur wie Transportmittel. Da stellt sich schon die Frage, was mit dem Geld passiert ist, denn 12 WM Stadien kosten nicht annähernd so viel Geld. Die Frage ist dann in erster Linie den Organisatoren und lokalen Politikern zu stellen; bei der Bevölkerung ist das jedenfalls nichts oder wenig von den Investitionen angekommen. Und die FIFA kann 4,5Mrd Dollar unversteuert als Einnahme verbuchen. Was bleibt sind frustrierte Fans, eine Fußballatmosphäre, die eher einem Baseballspiel gleicht als dem, was wir kennen. Der Großteil der brasilianischen Bevölkerung wird bewusst von der WM ausgenommen, teilweise sogar ausgesperrt. Unsere Erwartung, die südamerikanische Fußballwelt kennenzulernen und die hier herrschende Atmosphäre und Stimmung aufsaugen zu können, wurde in diesem Punkt leider bitter enttäuscht. Trotz allem waren die 2 Wochen erlebnisreich, sehr schön und zum Teil auch abenteuerlich. Nicht zuletzt abseits der deutschen Spiele und teils auch abseits des Fußballs konnten wir viele positive Eindrücke mitnehmen und uns vor allem mit Südamerikanern unterschiedlichster Nationen über Fußball und das Leben im Allgemeinen austauschen. Solange die FIFA allerdings weiterhin den Fußball nur noch als Produkt sieht und die Fans als Kunden, vor allem vor dem Fernseher, wird dies unsere erste und letzte Fußball WM bleiben. Eigentlich schade…

 

Hagen, Fränky und Alex


27.6.14 06:23

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bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Effe (27.6.14 08:21)
geiler letzter Bericht, ich finde es schon fast Schade, dass ihr zurück kommt.


Schumacher, Andreas (27.6.14 09:15)
Hey Männers,

heißt das etwa das ihr zurückkommt und die lebhaften Berichte über die WM in Brasilien ohne Brasilianer jetzt wegfallen?
Schade ich hatte mich gerade so an eure Berichte gewöhnt....
Zumindestens diese schon fast als Satire durchgehenden Berichte versüssen einem den Arbeitstag


Gurwin (27.6.14 09:24)
Herr Roveri sagte zwar "es wird nicht funktionieren", hat es aber doch ! Sie haben das ganze Programm sauber durchgezogen und und uns echt tolle Berichte geliefert. Ich fühlte mich beim Lesen fast so, als ob ich auch dabei wäre. Danke dafür.
Kommen Sie jetzt gesund nach Hause.


Jens (27.6.14 12:03)
Ihr lieben Fußball-Vagabunden,
Großartig geschrieben - RESPEKT!!! Habe herzlich gelacht, und mitgefühlt! Das werdet Ihr NIE vergessen.
Hier bei uns gibt es Sonne, nur wenig Regen und unsere Straßen sind trocken. Die Busfahrer sind geschult - und Ihr seid willkommen!
Vielleicht schauen wir ja noch ein paar WM-Spiele gemeinsam!
Würde mich freuen!!!!
DANKE FÜR EINEN TOLLEN BLOG!

Gru? an Euch und guten Flug wünscht

Jens

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